Nicht-Wissen


Ich dachte
ich wüsste
was die Welt
und mich darin
zusammenhält.

Und fiel in Spalten
zwischen all dem Wissen.

Und fand
im Zittern blind und taub an Sinnen:
Nichts-Mich.

Ich dachte
in den Spalten
meistens viele Nicht-Gedanken.
Und flog im Universum.
Anderswo.

Und fand
die Welt und mich darin.
Und manchmal nicht.

Ich dachte
ach, ich hab’s vergessen,
irgendwo dazwischen
ihr wisst schon, wo.

Herbst verpasst?


Gestern, als ich, ganz unbedarft und ganz normal bewusst, das Haus verließ und dort vom kalten Wind verblasen wurde, dachte ich: Ich hab‘ da was verpasst. Wo kommt bloß plötzlich der November her? Es war doch gerade Hochsommer, ich warte auf die letzten lauen Abende und habe bisher keinen Gedanken daran verschwendet, den Sommerrock ganz wegzupacken. Allein das ist schon mehr als merkwürdig, weil es doch seit Wochen kein Stück warm mehr war und ist…

Jaja, ich will nicht in den Chor der vielen Sommer-Wetter-NörglerInnen einfallen, die klagen, wir hätten keinen Sommer gehabt, sondern immer nur April. Das fand ich nämlich nicht, bisher. Ich war schön braun im Bauarbeiterinnen-Stil (also Arme  kurz über den Ellbogen und unterhalb des Knies, natürlich im Gesicht und sehr am Hals), sah auch nach Urlaub aus, obwohl ich meist in Ostwestfalen blieb.

Nein, den Sommer fand ich, jedenfalls bisher, so ziemlich ganz normal;  meine Füße steckten sehr viel in Sandalen, mittags hechelte der Hund, weil ihm zu warm war und wir mussten jeden Tag irgendwo an einen Bach oder See fahren – zur Abkühlung. Den Sommer habe ich also wach gelebt.

Wer hat da bloß, ganz unbemerkt, was rausgeschnitten?

Aber dann, dann fehlt ein Stück. Zwischen Sommer und November gab es sehr viel Regen, sehr viel grau, sehr viel tiefen Herbst und plötzlich ist der Winter da, die Printen liegen im Regal und ich weiß nicht, wie das passieren konnte.

Nein, das ist kein Witz und auch kein larmoyante Klagen, ich meine das ganz ernst und kann mich nicht erinnern, wann mir schon mal ein so großes Stück von Jahresezeit ratzfatz aus dem Kalender rausgeschnitten worden wäre. Wer auch immer dafür zuständig ist: Ich bin nicht einverstanden.

Mehr noch: Ich bin verunsichert, irritiert, erschrocken, als wäre ich nicht da gewesen – viele Wochen (was nur auf meinen wenig wachen Geist zurückzuführen wäre und daran kann viel Wahres sein…). Und käme jetzt zurück, verwundert.

Ich war aber nicht weg. Auch nicht ganz eingeschlafen. Ich war dabei, wie diese Nicht-Zeit immer länger wurde, so unbestimmt, nicht fassbar. Bis zum Schluss, als dann November ist.

Eine Antwort…

Wie der Zufall es so will, finde ich heute morgen einen Hinweis bei der Zen-Meisterin Corinne Frottier, deren wunderbares Buch mit dem leider fürchterlichen Titel Sei wie du bist“ mir folgendes Zitat schenkt:

„Was auch immer sich in einem bestimmten Augenblick für uns als Erinnerung zeigt, sagt vor allem etwas über den unmittelbaren Moment aus, den wir gerade erleben. Und in diesem Sinne, …, dienen uns die sich als Erinnerung darstellenden Gedankenassoziationen indem sie uns erzählen, was wir jetzt von uns denken, welche Meinung wir jetzt von uns haben und wie wir uns jetzt damit fühlen.“ Hervorhebungen von der Autorin selbst.

In diesem Sinne zeigt mir das Gefühl, beim Wechsel in den Herbst nicht anwesend gewesen zu sein, eben nicht, wie die letzten Monate waren, sondern wie ich jetzt gerade etwas verloren im beginnenden Herbststurm stehe. Jetzt. Jetzt. ach so…: Jetzt.

Modus Gras


Menschen sind sterblich.
Gras ist sterblich.
Menschen sind Gras.
Gregory Bateson

Wie gut, dass wir Gras sind, sonst kämen wir noch auf dumme Gedanken und würden der Welt wohlmöglich Schaden zufügen in der Annahme, wir wären etwas Besonderes.

2014-08-31 15.23.47

Wer sich verändert verändert die Welt


Das Thema:

Vier Männer, deren Tun weltweit bekannt ist und für engagiertes Handeln steht, lassen die LeserInnen an ihrer Sicht auf die Welt und darauf, wie diese denn wohl etwas friedlicher und besser werden kann. Dabei ist der Ansatz bei allen gleich: Weil wir Menschen die Welt prägen und verändern und weil wir dies gerade bezogen auf ökologische und soziale Aspekte auf wenig erfreuliche Weise tun, kann eine Veränderung nur geschehen, wenn genau wir Menschen uns verändern. Und das kann immer nur innen stattfinden, in jeder Einzelnen – so weit die These.

Das Besondere:

Alle vier Männer (leider ist keine Frau dabei) beschreiben ihren eigenen Weg, wie sie selbst Veränderung in sich beginnen- sie öffnen ihre Schatztruhe und zeigen den Lesern, was sie inspiriert, was ihnen Mut macht, welche Projekte sie begeistern und geben jeweils drei sehr einfache Tipps zum „Sich-selbst-verändern“

Empfehlenswert weil:

Das Buch ist leicht zu lesen, enthält sehr viele Hinweis und Quellen vor allem bezogen auf Forschungsergebnisse zu Achtsamkeit und Mitgefühl – außerdem macht das Buch Mut, angesichts in der Tat nicht einfacher Umstände dorthin zu gehen, wo sicher, real und sozusagen in der Gegenwart, also sofort, etwas zu verändern ist: Im eigenen Inneren.

Empfehlenswert für:

Alle, die nicht verzweifeln, sondern hoffen wollen, auch für alle, die Inspiration benötigen und für alle, die viele Adressen und Empfehlungen zu Weltverbesserungs-Projekten suchen.
Big Points:

Dicke Punkte gibt es für die persönliche Ansprache, die vielen kleinen Zitate und Empfehlungen und für den Mut-Mach-Bonus, Abzug für den verschwenderischen und gar nicht ökologischen Umgang mit Papier, denn die Buchstaben sind groß und die Seitenränder breit – deshalb ist auch der Preis mit 19,99 als gebundene Ausgabe ein wenig hoch.

Christophe Andre, Jon Kabat-Zinn, Pierre Rabhi, Mathieu Ricard
Wer sich verändert verändert die Welt
Kösel Verlag

Sozusagen ein guter Vorsatz: Das WIE vor das WAS zu setzen


Wenn Theorie und Praxis, Klugheit und Witz, spannender Inhalt und gute Form zusammenkommen, entstehen gute Bücher. WIE vor WAS ist eines davon.

Es ist keine neue Erkenntnis, dass unsere innere Haltung die äußeren Geschehnisse formt und dass es deshalb eine gute Idee ist, sich dem Innen zuzuwenden.
Karl-Ludwig Leiter findet über das Formelhafte „WIE vor WAS“ einen Filter, durch den er so unterschiedliche Dinge wie Besitz, Spiritualität, Regeln, Sexualität, Angst oder schickt – dadurch entsteht ein neuer und ungewohnter Blick auf Vertrautes, das WIE tritt hinter dem oft so überbetonten WAS hervor.

So wird schnell deutlich, dass Geld, Besitz, Erleuchtungserfahrung oder Wissen nicht unbedingt Glückszutaten sind – ihnen gemeinsam ist ein materielles WAS, sie sind zähl- und vorzeigbar, äußern sich in Symbolen, Orden und Roben. Ob sie aber glücklich machen und allgemein nützlich sind, hängt nicht damit zusammen, dass es sie gibt, sondern allein damit, WIE der Umgang damit ist.

Die Intention des Buches ist deutlich: Es ist ein freundlich-bestimmter, nicht zu überlesender Appell sich dem WIE zuzuwenden – und weil wir alle so sehr mit dem WAS beschäftigt sind, gibt Karl-Ludwig Leiter auch gleich einen Rat mit dazu, wie denn mehr Wie in unser Leben zu holen ist: Durch Nichts-Tun!
Er plädiert uneingeschränkt dafür zu meditieren – regelmäßig, konsequent und mit der Absicht, präsent im Geist und freundlich im Herzen zu werden, um die Unterscheidung zwischen WIE und WAS so oft wie möglich zu bemerken.

Der Autor ist ein Meister des eindrucksvollen Beispiels, erzählt viele Geschichten aus seinem eigenen Leben, um die Absurdität des menschlichen Suchens (WIE) nach Sicherheit (WAS) nicht nur unterhaltsam, sondern auch berührend zu beschreiben. Seine Geschichten sind die eines ganz normalen Menschen und dennoch besonders, weil er sich schon früh aufmachte, den Stein der Weisen (WAS) in allerlei spirituell-ökologischen Projekten (WIE) zu suchen. Dabei entsteht zeitweise das das Gefühl, er habe keinen Joint, keine Indienreise und kein Öko-Experiment ausgelassen – ihn dabei rückblickend zu begleiten ist amüsant und spannend zugleich.

Dass Karl-Ludwig Leiter dann bei Chögyam Trngpa Rinpoche landete und von ihm als einer der wenigen Europäer als Meditationslehrer autorisiert wurde, zeigt: Hier schreibt einer von Dingen die er inwendig kennt. Das macht Mut, alle Wege zu gehen, die uns hilfreich erscheinen, wenn sie denn nur weniger nach dem WAS, dem zählbaren Ergebnis, als nach dem WIE, der Art und Weise fragen.

Karl-Ludwig Leiter, Wie vor Was
Die Zauberformel für Zufriedenheit und Zuversicht
Arcana Verlag 2014