Nichts gesucht


Heute fand ich

ein  Rumi-Zitat in einer Toilette,
mich im Spiegel meiner müden Augen,
liebevolle Gedanken,
Angst,
einen Freund,
freches Gelächter,
Vogelflug,
durch und durch Fremdes,
ziemlich Vertrautes.

Ich nehme alles hin,
und füge hinzu:
Verwirrte Erkenntnis und erkanntes Chaos.

Und grünen Tee am Morgen.

Solche Tage…


Manchmal frage ich mich, wie ich an Tagen wie diesen am Abend meine Gedanken wieder einfangen soll, die den Tag über kreuz und quer in mir gewütet haben. Diese Gedanken, die so tun, als wären sie ich. Dabei ist ja auch das nur ein Gedanke…

Dann sehne ich mich nach ganz realen Dingen wie Graubrot mit Butter, auch im übertragenen Sinn, das nur nach Brot und Butter schmeckt und nach sonst nichts.

Dann  stolpere ich mit Motte, meinem jungen Hund, der auch die eine oder andere Merkwürdigkeit im Kopf hat, über die Felder und ahne: Hier wäre ich besser aufgehoben, manchmal, wenn das ganze Leben nur noch aus riesenmerkwürdien Gedanken zu bestehen scheint.

Zu meinem großen Glück muss ein Hund, vor allem ein noch junger Motten-Hund wie meiner, jeden Tag ausreichend die Pfoten in die Gegend schmeißen, sonst kommt nämlich sogar ein Hund auf Gedanken, die meinen ähneln. Oder so. Und dann wird’s kriminell.

 

Dank an Claudia (und die vielen anderen)


Immer dann,
wenn wir einzuschlafen drohen
im allzu gut geölten Alltagseinerlei,
wenn wir,
fein eingebettet
in vermeintlich zuverlässig Demokratisches,
immer dann,
wenn unter diesen Decken,
(noch dort…aber das ändert sich),
wenn also unter diesen Decken
zunehmend schiefe-schräge-rechte Töne
zunächst nur hier und da
aus dunklen Löchern rausgepfiffen werden
also immer dann,
wenn wir,
mit schweren  Lidern gerade zu bequem geworden sind, mal nachzusehen,
(kann ja auch jemand anders tun, oder?)
wer oder was da so schräg Lieder pfeift,
dann
gibt es immer einige,
die wach geblieben sind.
Weil sie nicht schlafen können mit schrägen Tönen im Gehör.

Und die da keine Ruhe finden,
solange es noch Orte ohne Decken gibt,
rufen uns wach –
uns, die wir gerade jetzt und überall
so scheinbar friedlich einzuschlafen droh(t)en.

Habt Dank,
ihr Mahner*innen, Wecker*innen und feinhorchenden Freund*innen überall auf der Welt,
also auch
in Bielefeld

P.S. Wie gut, dass alle immer mal das eine, wach, mal das andere, verschnarcht, sein dürfen – denn: wir sind mehr!

Chorus


In einem Chor zu singen
ist eine ziemliche Passion.

Den Tönen
miteinander
Raum zu geben;
sie zu verweben
– lassen
ist mehr, als einfach nur Gesang.

In einem Chor zu singen
heißt
sich stimmlich zu verbinden.
Und das ist
wenig heilig oder esoterisch,
ganz schlicht –
ein Muss.

Heißt auch;
sich zu verschenken,
den eignen Ton und sich gleich mit
für den Moment.

Das heißt  wohl
immer so und so,
doch meistenteils:
In einem Chor zu singen
ist auch
und immer wieder neu –
ziemliche Passion.

 

Nicht-Wissen


Ich dachte
ich wüsste
was die Welt
und mich darin
zusammenhält.

Und fiel in Spalten
zwischen all dem Wissen.

Und fand
im Zittern blind und taub an Sinnen:
Nichts-Mich.

Ich dachte
in den Spalten
meistens viele Nicht-Gedanken.
Und flog im Universum.
Anderswo.

Und fand
die Welt und mich darin.
Und manchmal nicht.

Ich dachte
ach, ich hab’s vergessen,
irgendwo dazwischen
ihr wisst schon, wo.

Still und leise…


mache ich mich mal vom Acker. Ich gehe einfach, mute mir und allen andern zu, dass Wegsein geht. Ich weiß nicht, was es machen wird mit mir und doch, ich ahne, sehne, dass ich die Taubheit aus der Filterblase vom Blattgeflüster trösten lassen kann.

Ich suche Erde, Höhle, Dunkelheit und mache mal das Licht aus. Kurz, dann länger, vielleicht auch noch den weiteren Moment, der fast den Atem nimmt. Auch den nehm‘ ich dazu.

Ach, rede ich wohl immer noch.

Herbst verpasst?


Gestern, als ich, ganz unbedarft und ganz normal bewusst, das Haus verließ und dort vom kalten Wind verblasen wurde, dachte ich: Ich hab‘ da was verpasst. Wo kommt bloß plötzlich der November her? Es war doch gerade Hochsommer, ich warte auf die letzten lauen Abende und habe bisher keinen Gedanken daran verschwendet, den Sommerrock ganz wegzupacken. Allein das ist schon mehr als merkwürdig, weil es doch seit Wochen kein Stück warm mehr war und ist…

Jaja, ich will nicht in den Chor der vielen Sommer-Wetter-NörglerInnen einfallen, die klagen, wir hätten keinen Sommer gehabt, sondern immer nur April. Das fand ich nämlich nicht, bisher. Ich war schön braun im Bauarbeiterinnen-Stil (also Arme  kurz über den Ellbogen und unterhalb des Knies, natürlich im Gesicht und sehr am Hals), sah auch nach Urlaub aus, obwohl ich meist in Ostwestfalen blieb.

Nein, den Sommer fand ich, jedenfalls bisher, so ziemlich ganz normal;  meine Füße steckten sehr viel in Sandalen, mittags hechelte der Hund, weil ihm zu warm war und wir mussten jeden Tag irgendwo an einen Bach oder See fahren – zur Abkühlung. Den Sommer habe ich also wach gelebt.

Wer hat da bloß, ganz unbemerkt, was rausgeschnitten?

Aber dann, dann fehlt ein Stück. Zwischen Sommer und November gab es sehr viel Regen, sehr viel grau, sehr viel tiefen Herbst und plötzlich ist der Winter da, die Printen liegen im Regal und ich weiß nicht, wie das passieren konnte.

Nein, das ist kein Witz und auch kein larmoyante Klagen, ich meine das ganz ernst und kann mich nicht erinnern, wann mir schon mal ein so großes Stück von Jahresezeit ratzfatz aus dem Kalender rausgeschnitten worden wäre. Wer auch immer dafür zuständig ist: Ich bin nicht einverstanden.

Mehr noch: Ich bin verunsichert, irritiert, erschrocken, als wäre ich nicht da gewesen – viele Wochen (was nur auf meinen wenig wachen Geist zurückzuführen wäre und daran kann viel Wahres sein…). Und käme jetzt zurück, verwundert.

Ich war aber nicht weg. Auch nicht ganz eingeschlafen. Ich war dabei, wie diese Nicht-Zeit immer länger wurde, so unbestimmt, nicht fassbar. Bis zum Schluss, als dann November ist.

Eine Antwort…

Wie der Zufall es so will, finde ich heute morgen einen Hinweis bei der Zen-Meisterin Corinne Frottier, deren wunderbares Buch mit dem leider fürchterlichen Titel Sei wie du bist“ mir folgendes Zitat schenkt:

„Was auch immer sich in einem bestimmten Augenblick für uns als Erinnerung zeigt, sagt vor allem etwas über den unmittelbaren Moment aus, den wir gerade erleben. Und in diesem Sinne, …, dienen uns die sich als Erinnerung darstellenden Gedankenassoziationen indem sie uns erzählen, was wir jetzt von uns denken, welche Meinung wir jetzt von uns haben und wie wir uns jetzt damit fühlen.“ Hervorhebungen von der Autorin selbst.

In diesem Sinne zeigt mir das Gefühl, beim Wechsel in den Herbst nicht anwesend gewesen zu sein, eben nicht, wie die letzten Monate waren, sondern wie ich jetzt gerade etwas verloren im beginnenden Herbststurm stehe. Jetzt. Jetzt. ach so…: Jetzt.

Poetische Liebesgeschichte: Die Eismacher


Es gibt verschiedene Kategorien von Büchern (hier eine Auswahl):

  • die Anspruchsvollen: schwer zu lesen, inhaltlich erbaulich
  • die Schmöker: sprachlich grenzwertig bis zum gerade noch Erträglichen, unterhaltsam und spannend
  • die Schmonzetten: sprachlich ud inhaltlich seicht und nur als Notration in langen Nächten aushaltbar
  • die Literarischen: sprachkunstvoll, oft nahrhaft bis zur Überforderung
  • die Verkopften: in denen alles stimmt aber wenig berührt
  • und die einfach Guten: sprachlich einwandfrei bis erbaulich, von leichter Hand erzählt, von echten Menschen oder auch ganz groß phantastisch – im Fluss erzählt, mit undenkbaren Überraschungen, Grautönen, hell und dunkel, mit Liebe drin und Hass und echtem Leben – und doch nie ganz in Schwarz.

Eins aus der letzten Kategorie, ist für mich „Die Eismacher“ von Ernest van der Kwast…ein Inder schreibt über Italiener, über ureigene italienische Eismacherkunst, über Fremdsein, Familiendramen, Leidenschaften, über Poesie und die Liebe und die Liebe und das Leben und das alles im Fluss und doch poetisch, überraschend sowieso.

Ernest van der Kwast
Die Eismacher
Random House
19,99

Unerhört Betörendes gehört


Hommage an Amai

nach einem Konzert am 13.10.2017
in der auto-kultur-werkstatt

Sirenen? Elfen?
Harfen? Ungeheuer?
Frauen?
Es und sie und alles
sang, raunte, stöhnte, seufzte, jubilierte
still
und dann
die Elfen-ungeheuerlich.
Still.
Hört Ohr und Herz und jedes Haar. Steht hoch. Gefühlt. Naja.

Dazwischen, drumherum
und überall, auch da,
Gesänge aus der Hier- und aus der Anderswelt.
Und sonstwoher – kein Mensch gewiss.

Wer will schon wissen,
wer und was da sang und tönte, sich im Raum verwob und einte,
auch erhob,
gemeinsam – ich flog mit.
Und lag.
Nicht still.

Klangkram aus Welt und Erde, Mensch und Herz und
Mäuse sangen auch,
ich schwör’s,
und alle tönenden Gefieder miteinander.
Im Moment.
Auch laut.

Bis dahin und danach jemals gehört und unerhört.

Der Dank klingt nach, ihr Amaisianerinnen.